Die heutige Wissenschaft ist so weit, so weise und so präzise, wie nie zuvor. Das war sie aber auch aus Sicht der jeweiligen Zeitgenossen zu jedem anderen Datum zuvor, auch entwickelt sie sich ständig weiter. Schon morgen wird sie wieder einen gewaltigen Schritt nach vorn gekommen sein und es gibt keinen Grund, mit dem Finger auf die vermeintlich dummen Gelehrten von früher zu zeigen. Ihnen gebührt aller Respekt! Sie waren es, die ihr Wissen voller Enthusiasmus an ihre Schüler weitergaben, die es dann weiter entwickelten.

Bis heute. Oder morgen. ;-)

Im Jahr 1930 wurde ein Himmelskörper entdeckt und unserem Sonnensystem zugeordnet: der Pluto. Doch am 24. August 2006 war es so weit: Eine Kommission trat zusammen, überlegte darüber, was einen Planeten ausmacht und stellte fest, dass Pluto kein Planet des Sonnensystems mehr sein kann und ordnete ihn als Asteroid unter weiteren Asteroiden dem Kuipergürtel zu.

Leonardo da Vinci gilt als Erfinder des Differentials irgendwann um das Jahr 1500 herum. Der Mechanismus von Antikythera erzählt aber eine andere Geschichte. Entdeckt im Jahr 1900 und datiert auf das erste Jahrhundert vor Christus. Hin und wieder wagten sich seit Entdeckung mutige und neugierige Wissenschaftler an die Fragmente und versuchten zu deuten, was sie denn da nun vor sich liegen hatten: Ein komplexes Gebilde aus Zahnrädern, Wellen, Zeigern und Skalen, ein Astrolabium, Olympia- und Mondfinsternisrechner (und noch viel mehr!). Niemand hätte es für möglich gehalten, dass es zu der Zeit bereits komplexe Differentiale (auch mit variabler Übersetzung!) geben könnte, auch nicht, dass zu dieser Zeit bereits Metall in dieser Präzision hätte bearbeitet werden können. Mittlerweile geht man davon aus, dass Cicero ein Gerät als "Sphäre" benannte, das wohl noch mal 150 Jahre älter sein soll und aus der Hand von Archimedes stammen könnte. Und hier werden die Lehrbücher in den Bereichen Technik und Metallurgie umgeschrieben, sobald genug geforscht wurde, um tatsächliche Schlüsse zu ziehen.

Wissenschaft ist ein immer fortwährender Prozess - und morgen wissen wir schon wieder mehr, als gestern oder heute noch.

Was hat das jetzt aber mit den Schmieden zu tun?

Tja, auch hier gab es eine Entdeckung: Die Mästermyr-Kiste aus einem Moorgebiet auf Gotland.

1936 wurde im Zuge der Ackerlandbeschaffung ein Moorgebiet trocken gelegt. Der Herbstboden war noch weich, als der Bauer Hugo Kraft erstmalig mit seinem Pflug seinen neuen Acker bearbeitete. Dabei stieß er auf einen alten Bronzekessel, sah ihn sich kurz an, rümpfte die Nase und warf ihn zur Seite. Es muss ordentlich gerumpelt haben, als er kurz darauf mit seinem Pflug eine Holzkiste aus dem Boden hebelte! Schweres Holz, eiserne Beschläge, eine Eisenkette herumgeschlagen und mit einem Schloss versehen, etwa 90x25cm groß und gut 20cm hoch. Das musste ein Schatz sein!

Gierig zerschlug er die Kette, öffnete den Deckel, erwartete Schmuckstücke, Gold und Silber, doch fand er nur eine "Suppe aus Rost". Einige Stücke sah er als noch brauchbar an, nahm sie mit und lockte so irgendwie Archäologen an, die diese Stücke als Werkzeuge aus der Wikingerzeit identifizierten - also etwa um das Jahr 1.000 nach Christus.

Was ist denn jetzt so spannend an dieser Kiste? Es wird doch immer irgendwo irgendwas ausgebuddelt...

Es geht darum, dass wir ein offensichtlich sehr unvollständiges Bild der Wikinger haben, was z.B. Verhaltensweisen, technische Möglichkeiten, Fertigkeiten oder eingesetzte Materialien betrifft. Die übliche Lesart beschreibt den Wikinger mal als Bauern, mal als fahrenden Händler, vor allem jedoch als kriegerischen Eroberer, aber immer als recht einfach strukturiert und wenig an feinen Künsten und Dichtung interessiert, während andernorts der Fortschritt kaum noch aufzuhalten war. Etwa wie: "draufhauen geht schneller, als lesen!"

Mit Fund der Kiste und Begutachtung des Inhalts stellt sich jedoch ein ganz anderes Bild dar. Man geht davon aus, dass ihr Besitzer ein vielseitiger Handwerker gewesen sein muss, der von Auftraggeber zu Auftraggeber reiste. Wahrscheinlich kenterte sein Boot, wo später das Moor entstand, und seine wertvolle Werkzeugkiste (seine Existenzgrundlage?) versank für ihn unerreichbar. Aufgrund des Inhalts der Kiste geht man davon aus, dass er Schmied, Zimmermann und Schlosser war.

Diese Kiste stellt den größten Werkzeugfund aus der Wikingerzeit dar, über 200 Werkzeuge ließen sich entdecken: Messer, Hämmer, Beile, eine Eisenschere, ein Locheisen zur Herstellung von Nägeln, Meißel, Feilen, ein Bohrer und so weiter. Alles Werkzeuge, wie man sie heute noch in jeder Schmiedewerkstatt finden kann. Und er hatte Ambosse dabei! Zumindest nennt man einige Fundstücke so.

Nicht etwa die 50...75kg schweren Dinger, die wir gerne als "Reiseamboss" bezeichnen, nein! Er nutzte kleine, handliche Ambosse in verschiedenen Formen, die er wohl auf einen Baumstumpf legte oder sogar mit ihrem spitzen Ende in einen Baumstumpf treiben konnte. Aufgrund ihrer Größe gehe ich davon aus, dass diese Ambosse dazu gedacht waren, eher kleine Werkstücke anzufertigen oder um vorgefertigte Stücke beim Auftraggeber fertig zu richten. Er war wohl weniger der Schmied, der morgens die gesamte Nachbarschaft weckte, sondern wohl eher der Schmied, der Nägel, Schlösser, Winkel und Beschläge herstellte, sich vielleicht noch ein Ziehmesser für seine Holzarbeiten machte oder die Sense eines Bauern schärfte. Vielleicht passte er auch als Zimmermann eiserne Beschläge beim Kunden auf der fernen Baustelle an, die er in seiner Schmiede in seinem Heimatdorf vorbereitet hatte. So genau lässt sich das momentan leider nicht herausfinden.

Problematisch an dieser Sicht der Dinge: Der gemeine Wikinger muss wesentlich cleverer gewesen sein, als gelehrt und allgemein angenommen wird. Wenn es stimmt, dass er sich vom aufblühenden Rest Europas weitgehend fern gehalten hat... Tja, dann muss er schon von allein auf die Idee und den möglichen Nutzen einer Säge gekommen sein, genauso wie er sich selbst Gedanken gemacht haben muss, wie eine Säge für Holz auszusehen hat, wie man so ein Ding herstellt, welche Werkzeuge man dazu braucht und wie man eben diese herstellt. Wenn man darüber nachdenkt, ist das schon wieder ein reichlich komplexes Thema für sich, denn die Frage nach dem Huhn oder dem Ei (und was davon zuerst da war) kennt nun jeder. Nur halt die Antwort darauf nicht.

Er ist ein verkanntes Genie, unser fahrender Handwerker - aber viel Geschichte muss erst noch entdeckt werden und die Wissenschaft lernt täglich hinzu. Bleiben wir also gespannt, aufmerksam und offen für neue Ideen und Erkenntnisse!

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