Lasst mich kurz ausschweifen:
Erinnert Euch an die Zeit, als Ihr mit Eurem ersten Auto unterwegs wart. Bei mir ist das 35 Jahre her und das Auto war damals schon über 10 Jahre alt: ein Derby von 1979. Man stieg ein und direkt wieder aus, weil man vergessen hatte, der Karre die Antenne aus dem Hintern zu ziehen. Im Herbst waren die Scheiben beschlagen. Im Winter waren sie auch von innen vereist. Und irgendwie hatte die Kiste die ständige Tendenz, von allein um die Ecke zu bremsen.
Ganz anders hier Vaters Auto: Klimaanlage, Sitzheizung, Servolenkung, ABS… und ein Licht! Und mit dem Fahrpedal hatte man sogar tatsächlichen Einfluss auf Fahrtaufnahme und Beschleunigung: da kam was! So also kann sich Autofahren anfühlen?
Genau so kann man das auf Werkzeuge (hier: Schweißgeräte) übertragen. Viele Multiprozess-Schweißmaschinen bieten das E-Hand-/MMA-Schweißen als Option an. Es geht also. Irgendwie. Aber halt nicht so richtig! Auch diese Maschine bietet nebenher einen weiteren Prozess an: das WIG-Schweißen. Aber auch nur als Option und auch nicht so richtig, was bei Lift-Arc beginnt und sich mit dem fehlenden Gas-Anschluss fortsetzt, etc. Aber: „Es ginge, wenn man denn unbedingt wöllte!“. Oder müsste. Ganz ehrlich? So ziemlich jede E-Hand-Schweißmaschine kann zum WIG-Schweißen genutzt werden. Es ist also nur ein Verkaufs-Trick, das als Option mit auf die Maschine zu kleben.
Was diese Maschine aber ziemlich perfekt kann, ist das E-Hand-Schweißen – und nur zu diesem Zweck habe ich sie gekauft.
Mein Anforderungs-Profil: Ich betreibe eine (mit Motivation) betriebene Schmiede-Werkstatt, die schon lange aus dem Hobby-Status herausgewachsen ist. Ich fertige Konstruktionen und Deko-Elemente an, bei denen Baustähle (S235, S355, früher: irgendwo zwischen ST32 bis 52, wer weiß das schon noch…) mit 3…12mm Stärke verschweißt werden. Ausreißer eher nach oben, denn nach unten, der Schwerpunkt irgendwo zwischen 4 und 8mm. Nicht täglich. Aber nach zwei… drei Tagen ohne Werkstatt spüre ich deutlichen Eisenmangel. Mit Karosserie-Blechen, Edelstahl, Guss und Aluminium habe ich nichts zu tun. Dickere Dinger werden in Lagen verschweißt: die Schweißnähte sind nicht so sehr lang, als dass die Maschine das nicht locker schaffen könnte. Ich betreibe alle meine Werkzeuge und Maschinen gerne irgendwo in der Mitte ihrer Leistungsfähigkeit, um sie nicht ständig an ihrer Grenze zu belasten – und da passt die ProGYS 200 CEL für mich zu 100%.
Und irgendwie reizt mich das Thema E-Hand-Schweißen: Ich hab‘ da richtig Bock drauf! Die Maschine ist handlich und braucht keine Gaspullen… es braucht kein Draht eingefädelt und keine Nadel angeschliffen werden… und mich reizt tatsächlich der handwerkliche Anspruch! Nicht auf Profi-Niveau – das soll gerne den Profis belassen werden. Aber so, dass ich(!) mit meinen Schweißnähten gut zufrieden sein kann: Ich habe da einen gewissen Anspruch an meine Arbeit.
E-Hand darf als Schweißprozess nicht unterschätzt werden. Meist sind es aber schlechte Erfahrungen (und wenn es noch nicht mal die eigenen sind: das fürchterliche Hörensagen!), die von diesem Prozess zu Abstand warnen: die Schweißnaht sieht fürchterlich aus, kaum Einbrand, es raucht, stinkt und spritzt, das Zünden klappt nicht, ständig klebt die Elektrode fest… Schlacke und Schweißspritzer müssen mühsam entfernt werden, und, und und.
Das war einmal. Beziehungsweise: Mit diesem Gerät muss das nicht mehr so sein!
Hält man sich an bestimmte Grundlagen und sorgt man dafür, dass alles gut zueinander passt (Schweißgut, Materialstärke, Schweißposition, Elektrode, Stromstärke, Schweiß-Vorbereitung, Winkel, Abstände…), dann regelt die Maschine die Spannung von allein und hilft durch intelligente Technologien zum guten Schweißergebnis. Einfach so, in aller Ruhe und absolut überzeugend!
HotStart beginnt den Schweißprozess mit etwas erhöhtem Schweißstrom, sodass das Zünden des Lichtbogens leichter fällt und dass das noch kalte Material schon zu Beginn gut und tief aufgeschmolzen werden kann.
Anti-Stick verhindert das Festkleben der Elektrode bei Berührung mit dem Schweißgut.
ArcForce korrigiert die Schweißsspannung bei schwankendem Elektrodenabstand.
Eine zuschaltbare Puls-Funktion (ja: MMA-Puls!) unterstützt bei Steignähten (PF).
Alles im Rahmen der physikalischen und technischen Möglichkeiten, dann aber wirklich toll und souverän!
Für Einsteiger: E-Hand ist ein Schweißprozess, der Kenntnisse, handwerkliches Geschick und Erfahrung erfordert, um gute Ergebnisse zu erzielen. Diese Maschine erleichtert aber den Einstieg immens, nimmt Sorgen und ebnet den Weg vom Braten zum Schweißen!
Das einschaltbare VRD schützt durch eine reduzierte Spannung im Leerlauf im Falle des Falles. Dazu muss aber das Gehäuse geöffnet und ein kleiner Schalter umgelegt werden. Meine Vermutung: Diese Funktion mag in bestimmten Fällen so derart wichtig sein, dass sie keinesfalls von außen deaktiviert werden können darf – daher das Verstecken im Inneren.
Mit Lichtstrom kann die Stromquelle an fast jeder Steckdose betrieben werden, ein Anschluss an einen Generator ist möglich. Es wird vom Hersteller empfohlen, das Gehäuse von Zeit zu Zeit zu öffnen, um das Geräte-Innere zu reinigen: Das Öffnen des Gehäuses bedeutet also kein Ende der Garantie!
Geschweißt wird mit rutil-, basisch- oder zelluloseumhüllten Elektroden bis 5mm im Bereich von 20…200A, 100% Einschaltdauer bei 90A (was etwa 5mm Materialstärke mit 2,5mm Elektrode entspricht). Ungeeignet für das Unterwasserschweißen. Thermit-, Unterpulver- und Reibschweißen geht auch nicht. Hier geht es um E-Hand-Schweißen – aber das: richtig!
Das Gewicht schafft Vertrauen, das Gehäuse ist verwindungssteif und hängt satt am Griff, es ist robust und an den Ecken besonders geschützt. Es klappert nichts im Gehäuse. Allein die Leitungs-Anschlüsse mit 13mm-Dorn sprechen für sich, allein die mitgelieferten Leitungen sind gefühlt fast so schwer, wie die Stromquelle selbst – auch hier spürt man sofort den professionellen Anspruch für harte Einsätze!
Das Panel ist übersichtlich, die wenigen nötigen Einstellungen sind schnell und intuitiv erledigt, die Bedienungsanleitung kann gelesen werden. Wer sich nur einigermaßen auskennt, kommt sofort klar.
Ein absoluter Pluspunkt: Beim Umstellen von rutil- auf basisch- auf zellulose-umhüllte Elektroden steht die typische Elektroden-Bezeichung direkt unter der LED: Rutil: 6013, Basisch: 7018, Zellulose: 6010. So kann man sich auch schon mal von der Beschriftung auf der Elektrode zur richtigen Einstellung der Maschine schummeln, ohne das Tabellenbuch auswendig zu können!
Thema Lüfter und Lüftersteuerung: Beim Einschalten gibt’s einen Lüftertest, danach ist das Gerät unhörbar. Der Lüfter steigt erst wieder ein, wenn geschweißt wird, oder wenn der Maschine nach einer gewissen Zeit langweilig wird und sie auf sich aufmerksam machen möchte. Was ich als sehr(!) angenehm empfinde, ist, dass der Lüfter noch eine gute, technisch sicherlich unnötige Zeit nachläuft. Meist ist es die Zeit, die man bis zum nächsten Schweißvorgang braucht. Bis zum Wechsel der Elektrode etwa oder zum Reinigen der letzten Schweißung. Somit hat man zwar eine konstante, aber nicht nervende Geräuschkulisse durch ständig wechselnde Lüfterdrehzahlen. Der Lüfter ist dann zwar vorhanden, hält sich aber akustisch im wirklich gut akzeptablen Hintergrund.
Das erste Schweißerlebnis (nach dem ganzen anderen Kram aus fast 40 Jahren schweißen…): Wie die erste Fahrt mit Sitzheizung, ABS und Servolenkung! Und Motor!
Punkte, die mir besser gefallen hätten:
- Hinweise und Knöpfe für das WIG-Schweißen: Weg damit. WIG-Schweißen ist hier eher eine Krücke, denn eine wirkliche Option. Die Maschine macht E-Hand so gut, dass sie das zusätzliche Label nicht nötig hat.
- HotStart: Hier hätte ich mir wirklich eine Erklärung im Handbuch gewünscht. Auf 80% (40% ab Werk – und da klebt’s!) gestellt, arbeitet die Maschine aber wirklich hervorragend mit meinem etwas dickeren Kram!
- Produktion in China: Schade für einen sonst waschechten Franzosen. Muss wirklich alles in China produziert werden? Aber die Maschine ist wirklich toll gebaut – keine Frage!
Wer etwas anderes probieren möchte als „Phoenix grün“, dem seien die 6013 von GYS oder die Oerlikon Fincord empfohlen. Ich habe hier schon gut 50 Elektroden in 3,2mm zum Üben genutzt… alle laufen topp mit feinen Nuancen im Geschmack, die jeder für sich selbst herausfinden darf.
Verpackung und Versand haben hervorragend funktioniert. Alles ist sicher im stabilen Karton verstaut, auf den Lieferanten hat der Versender keinen Einfluss.
Preis/Leistung und ohne große Polemik: Wenn dieses Gerät bei gut-gelegentlicher Nutzung fünf Jahre durchhält, dann reden wir hier über ein Profi-Werkzeug nach Industrie-Standard mit Baustellen-Genen für gut 8 Euro pro Monat.
Die WIG-Funktion probiere ich nicht. Dafür gibt’s ein WIG-Schweißgerät. Vielleicht sollte ich dafür (später) auch noch mal bei GYS vorbei schauen… GYS besteht und entwickelt seit 1964 in Frankreich, in Aachen gibt’s die nächste Werksvertretung mit Vorführung und Schulungsräumen.
Jedenfalls suche ich nach einem Ersatz für mein MAG-Schweißgerät – und da habe ich schon was Schönes im Auge: gleiches Regal, vielleicht etwas weiter links… denn auch da hätte ich gerne Sitzheizung, ABS und Servolenkung… vielleicht sogar eine Klimaanlage, Zentralverriegelung mit Fernbedienung und elektrische Fensterheber! Eine Standheizung wäre toll…
Mein Fazit für die ProGYS 200 CEL ↗: Meine absolute Kaufempfehlung für den Bereich, in dem ich mich bewege – vielen Dank an GYS für diese tolle Maschine!










